Aus der neuen Praxiszeitung: Digitalisierung in der Praxis

Mehr als 30 Jahre lang Wege und Irrwege durch das Chaos

Vor 20 Jahren. Dr. Stankewitz begrüßt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt

Wir waren als eine der ersten Arztpraxen mit einem Webauftritt dabei, als sich im Internet Anfang der neunziger Jahre mit dem HTML-Protokoll eine allgemeingültige Textdarstellung etablierte und mit den ersten Browsern Mosaic und Netscape der große kommerzielle Aufbruch in die virtuelle Welt begann. Dies war damals so ungewöhnlich, dass unser Internetauftritt sogar in der Wochenzeitschrift Der Spiegel erwähnt wurde.

Unsere Affinität zur digitalen Welt beruht wesentlich auf dem Engagement von Dr. Winfried Reuter. Bereits 1988, drei Jahre nachdem er die Praxis gegründet hatte, schloss er sich mit 25 EDV-affinen Dürener Ärztekollegen zusammen, die gemeinsam nach einer Verwaltungssoftware für Arztpraxen suchten. Damals wurden Computer nutzende Ärzt*innen teils noch sehr misstrauisch angesehen, weil man ihnen Motive wie Abrechnungsoptimierung und -manipulation unterstellte.

Die Entscheidung fiel 1988 für den damaligen Marktführer, der damals ganze 150 Anwender*innen hatte. Zum Vergleich: Der heutige Marktführer unter den zugelassenen 170 Praxisverwaltungssytemen (PVS) hat mehr als 40.000 Anwender*innen.

Nach dem Erwerb der Arztsoftware kam jedoch bald die Ernüchterung: Die Dürener Ärztegruppe war sehr engagiert und versuchte, die Software durch Korrektur- und Verbesserungsvorschläge zu optimieren. Beim Softwarehaus stieß man jedoch auf taube Ohren, die Anregungen schienen sämtlich in der „runden Ablage“ zu verschwinden.

Statt zu resignieren und sich weiter zu ärgern, holte die Dürener Ärztegruppe zu einem genialen Befreiungsschlag aus: Sie engagierte zwei EDV-Entwickler, darunter einen vom strittigen Softwarehaus abgeworbenen, und diese programmierten mit den Ärzt*innen ein eigenes PVS, das Ende 1990 praxisreif war und das sie „Duria“ nannten.

Dr. Reuter war von Anfang an in der Programmentwicklung und Firmeninfrastruktur der Duria aktiv und war dann auch 1993 dabei, als sich die Programmnutzer*innen zu einer eingetragenen Genossenschaft zusammenschlossen. Seit einigen Jahren sind Herr und Frau Dr. Reuter Aufsichtsratmitglieder der Duria eG. Die Duria hat aktuell über 4.000 Mitglieder, 30 Angestellte und gehört deutschlandweit zu den ersten zehn PVS.

Die deutsche Ärzteschaft hat heute mit der EDV ganz andere Probleme, als die Pioniere der 90er Jahre: Ob wir wollen oder nicht, wir werden von Seiten der Politik mit Anforderungen und Zwängen überzogen, die weit vom traditionellen ärztlichen Handeln entfernt sind und eine tiefgreifende Änderung im Praxisalltag bewirken. Viele Praxen sind damit überfordert und manche verweigern den aktuell geforderten Zwangsanschluss an Netze und Server im Internet, weil sie um die Sicherheit der Daten ihrer Patient*innen fürchten. Dafür nehmen sie Sanktionen in Kauf, die im Kürzen der kassenärztlichen Honorare bestehen.

Ein Beispiel für unausgegorene Projekte ist die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA). Hier sollen Patient*innen über ihr Handy medizinische Daten im Netz auf Servern ihrer Krankenkasse speichern und verwalten. Die ePA soll u. a. mit den Datenbeständen der behandelnden Ärzt*innen und mit deren Hilfe befüllt werden. Aktuell hat aber der oberste deutsche Datenschutzbeauftragte wegen Mängeln in der Umsetzung der ePA, die einen Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) darstellen, die Krankenkassen mit einer Klage bedroht.

Wir sind in der Praxis technisch in der Lage, mit der ePA umzugehen, halten uns aber aus zwei Gründen zurück: Je nach der juristischen Entscheidung könnten wir uns mit der Herausgabe von Behandlungsdaten datenschutzrechtlich strafbar machen. Das Dilemma: Nationale Gesetze fordern die Nutzung der ePA, europäisches Recht verbietet dies mit der DSGVO. Ein anderer Grund ist, dass für uns Ärzt*innen die ePA weitgehend wertlos ist: Die Daten verwaltet der/die Patient*in, daher können wir uns nicht auf die Vollständigkeit, Integrität und Relevanz der Datensammlung verlassen.

Desaster Digitalisierung

Alles in allem muss der Weg zur Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen als desaströs bezeichnet werden. Als Ulla Schmidt im Jahre 2001 Bundesgesundheitsministerin wurde, entwarf sie einen Fahrplan, der die vollständige Vernetzung des deutschen Gesundheitswesens und Digitalisierung aller Kommunikationswege bis zum Jahre 2006 als Ziel vorgab. Erste Pflichtanwendung sollte das elektronische Rezept werden.

Wir nahmen bei Duria den Ball auf und entwickelten unterstützt mit Fördergeldern der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Kooperation mit dem Frauenhoferinstitut St. Ingbert/Saar ein digitales Kommunikationskonzept, das die Daten hochgesichert, ähnlich dem Blockchain-Konzept der Kryptowährungen, auf Servern der KVNo zwischenspeicherte.

Schon 2002 konnten wir Ulla Schmidt das Ergebnis in unserer Arztpraxis präsentieren. Wir demonstrierten, wie wir mit dem Dürener Krankenhaus und der Ahorn-Apotheke Krankhauseinweisungen und Rezepte über das Internet gesichert austauschen konnten. Das Konzept war absolut praxisreif, extrem kostengünstig und hätte bei gutem Willen aller Beteiligten kurzfristig flächendeckend ausgerollt werden können.

Das Foto im Artikel der „Dürener Zeitung“ von 2002 zeigt neben Ulla Schmidt Dr. Stankewitz, Dr. Reuter, Ruth Reuter (damals Studentin) und zwei Funktionäre der KBV und KVNo.

Heute, nach 20 Jahren, stehen wir vor einem Chaos. Unsere schlanke, hochperformante, sichere Lösung passte den großen Playern wie Krankenkassenverbänden, Lobbyisten der IT-Konzerne und den mit Ihnen verbandelten Politiker*innen nicht ins Konzept: Daten sind die neue Währung in der digitalen Welt. Unsere damalige Lösung erlaubte einen Zugriff nur im Rahmen der Arzt-Patient-Situation und nur nach Freigabe durch den/die Patient*in selbst. Der hippokratische Eid stand Pate. Somit konnte niemand Geld mit den Daten verdienen.

Nach 20 Jahren Hickhack, Grabenkämpfen der Beteiligten, Lobbyismus, der möglicherweise schon strafrechtliche Grenzen überschritten hat, sind Unsummen Versichertengelder verbrannt worden und heute haben wir als einzige funktionierende IT-Anwendung den Stammdatenabgleich mit den Krankenkassenservern beim Einlesen der Versichertenkarte. Dabei sind bisher Kosten von an die 10 Milliarden Euro entstanden. Unsere Lösung von 2002 wäre mit einem dreistelligen Millionenbetrag realisierbar gewesen.

Hinzu kommt, dass die aktuellen ambitionierten Pläne des Bundesgesundheitsministers erhebliche konzeptionelle und strukturelle Defizite aufweisen: Die Show steht im Vordergrund, Qualität bleibt auf der Strecke.

Zurück zum digitalen Alltag unserer Praxis

Auch als Pioniere der Präsentation von Arztpraxen im World Wide Web (WWW) hatten wir angesichts der rasanten allgemeinen Weiterentwicklung des Webseitendesigns in kürzester Zeit den Anschluss verloren. Anfang der 2000er Jahre passten wir unseren Internetauftritt noch einmal an die damaligen neuen Möglichkeiten an. Dann sahen wir lange Zeit keine Notwendigkeit, weiter in unser Websitedesign zu investieren, weil die Kernfunktionen funktionierten und von einer zunehmenden Anzahl unserer Patient*innen genutzt wurden.

Dabei handelt es sich um die Möglichkeit der Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung über das Internet. Weiterhin werden Kommunikation und Patient*innen-Bindung seit einigen Jahren über unsere Facebookpräsenz und die quartalsweise erscheinende Praxiszeitung unterstützt.

Wir wurden aber in letzter Zeit wiederholt von kommerziellen Anbietern kontaktiert, die sich erboten, unsere Internetpräsenz auf einen aktuellen Stand zu bringen. Ein wesentlicher Mangel sei neben dem veralteten Design die fehlende Formatanpassung bei Aufruf der Website über ein modernes Smartphone. Dabei standen Preisangebote bis zu mehreren Tausend Euro zu Debatte.

Unsere Reaktion: Herr Dr. Reuter hat nur wenige Tage gebraucht, um unseren Internetauftritt unter Erhalt der Kernfunktionen mit dem Tool WordPress zu modernisieren. Dabei wurde bewusst ein dezentes Design gewählt, das sich an der bisherigen Site orientiert und die Benutzerfreundlichkeit in den Vordergrund stellt.

Praxiszeitung Ausgabe 45 (als PDF-Version) | Praxiszeitungsarchiv

4 Kommentare zu „Aus der neuen Praxiszeitung: Digitalisierung in der Praxis“

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